Vicunjas

Reiseberichte aus dem Sanella-Album Mittel- und Südamerika

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Im Auto hinter Vicunjas her

Beilage zum letzten Brief. Das Postflugzeug kommt erst übermorgen. Also kann ich Dir noch einen Kurzbericht geben. Onkel Tom hat sich bei einer nordamerikanischen Firma in La Paz einen Wagen geliehen. Wir wollen ostwärts nach Santa Cruz fahren, wo das Land niedriger wird, bis es allmählich in Tiefland übergeht. Onkel Tom wollte aber erst einmal den Wagen ausprobieren. Deshalb haben wir gestern eine kürzere Tour in die Berge unternommen. So ungefähr bis in Montblanc=Höhe sind wir gefahren. Man merkte es dem Wagen an, daß ihm auch bald die Puste ausging - wie uns. Es war eine verwegene Fahrt. Ringsum Felseneinöde, aber in leuchtenden Farben strahlend, je höher wir kamen. Ein schneidender Wind fegte uns entgegen. Trotz dicker Wollsachen froren wir wie die Schneider. Menschen wohnen in diesen Höhen nicht mehr. Einmal stand eine verlassene Steinhütte am Weg, wohl von indianischen Hirten oder Karawanenführern erbaut. Auf der Hochfläche, die man hier Puna nennt, gelbliche Grasflächen und weit hinten eine Herde äsender Vicunjas. Das sind die wild lebenden Verwandten der Lamas, gelblichbraun bis kupferrot, so daß man sie ohne Glas kaum von der Landschaft unterscheiden konnte. Wir fuhren vorsichtig näher, zeitweise durch Felsen gedeckt. Aber als wir auf die freie Fläche hinauskamen, stob die Herde davon. Unser Wagen konnte das Tempo nicht durchhalten. Der Abstand wurde schnell größer. Schon waren sie in einer Schlucht verschwunden.

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Gefährliche nächtliche Abenteuer

Unsere Autofahrt ins bolivianische Tiefland wäre fast schiefgegangen. Wir hatten einen landeskundigen, bolivianischen Fahrer gemietet, der uns in La Paz empfohlen worden war. Ein Mestize. Sehr vertrauenerweckend sah der Mann zwar nicht aus. Mir fiel gleich sein falscher, verschlagener Blick auf. Aber Auto fahren konnte er. Wie die Feuerwehr! Es ging in einem unvorstellbaren Tempo bergab. Der Kerl nahm die engen Steilkurven der Bergstraße, daß einem Hören und Sehen verging. Schon waren wir in die Waldregion hinabgekommen. Es war Nachmittag geworden. Das Land wurde hügelig. Da stoppte der Fahrer plötzlich, stieg aus und guckte in den Benzintank. Aha, das Benzin ging zu Ende.

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Aber wir hatten ja einen Reservekanister mit, der hinten aufgeschnallt war. Wir stiegen auch aus. Aber was war das? Der Kanister war leer...! - Der Fahrer stieß einen unverständlichen Fluch aus, dann zuckte er die Achseln und sah uns mit verkniffenen Lippen an. Was sollte das heißen? Hatte der Kerl einen leeren Kanister mitgenommen oder ihn unterwegs auslaufen lassen? Was beabsichtigte er damit - hier in der völlig unbekannten Gegend?

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Das Vikunja gehört zur Familie der Kamele. Es ähnelt dem Guanako, ist aber kleiner und schlanker. Seine Länge beträgt 150 Zentimeter, die Schulterhöhe 100 Zentimeter, das Gewicht 50 Kilogramm. Es ist oberseits hellbraun und unterseits weißlich. Das Fell ist weich und dicht, so daß es vor Kälte schützt. Verbreitet ist das Vikunja in den Hochanden Ecuadors, Perus, Boliviens, Argentiniens und Chiles. Es kommt hier in Höhen zwischen 3500 und 5500 Metern vor. Das Vikunja lebt in territorialen Familienverbänden, die von je einem Männchen geführt werden.